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Donnerstag, Juli 20, 2006

Demokratie in der Familie

Aus dem Migros-Magazin vom 17.07.06
Demokratie in der Familie – eine Studie zeigt: Kinder mit Mitspracherecht sind mit sich zufriedener und haben bessere Noten.
Mehr Grenzen, Regeln und Strenge!, rufen die einen. Dann herrsche an Schweizer Schulen wieder Ordnung und Leistungsbereitschaft statt Chaos und Lust-losigkeit. Nein, sagen die anderen, Kinder bräuchten mehr Zeit, Zuwendung und Zwiegespräche. Die Verunsicherung der Eltern ist gross, der Ruf nach mehr Autorität ertönt laut.

Doch mit Letzterer ist kaum etwas zu erreichen, wie eine Studie der Universität Lausanne nun zeigt. Denn die höchsten Noten bekommen Kinder, die in der Erziehung ein Mitspracherecht geniessen. Sie sind auch am besten integriert und haben mehr Selbstachtung als andere. Wie der Lausanner Studienleiter Professor Alain Clémence und sein Team festgestellt haben, unterstützt eine autoritäre Erziehung die Schüler genauso wenig wie zu viel Laisser-faire. Unter einseitiger Bestimmung leiden besonders die jüngsten Schüler sowie Buben mit etwa 15 Jahren. Zu lose Zügel hingegen wirken sich vor allem bei Mädchen negativ aus und allgemein bei Schülern gegen Ende der Schulzeit.
Quer durch alle sozialen Schichten und Familienkonstellationen schneidet die so genannt autoritative Erziehung am besten ab. Sie sieht vor, dass Eltern viel lenken, aber auch viel loben und Kinder viel mitreden. Grundsätze, die sich auch das aus Australien importierte Modell Triple P (Positive parenting program) auf die Fahne geschrieben hat.
Partnerschaftlich erziehen
«Manchmal wäre es einfacher, den Kindern die Regeln bekanntzugeben und auf deren Einhaltung zu pochen», sagt Stefan Handschin (47), der soeben mit seiner Frau einen Triple-P-Kurs für Eltern von Teenagern absol-viert hat. Als Berufsoffizier weiss der Freiburger Familienvater, wovon er spricht. Zusammen mit seiner Frau Silvia hat er sich aber von Beginn weg entschieden, die beiden Kinder in partnerschaftlichem Stil zu erziehen. «Am Anfang ist dies sicher anstrengend», sagt seine Frau Silvia (47) dazu, «aber es lohnt sich.»

Tatsächlich haben die zwölfjährige Stefanie Handschin und ihr Bruder Jean-Louis (10) ihre Zeugnisse vor wenigen Tagen voller Stolz nach Hause gebracht. Beide sind in der Schule gut integriert und machen ihren Eltern auch daheim viel Freude. Sie erfüllen ihre «Ämtli» in Haus und Garten, leisten etwas für Zusatzsackgeld, verdienen sich TV-Minuten ab, halten sich an Abmachungen und murren nur selten übers Menü.
«Dahinter stecken viele grundlegende Diskussionen», sagt Vater Stefan. Denn Ferienreisen, Wochenendaktivitäten oder Aufgaben handelt die Familie im Gremium aus, erwünschte Verhaltensweisen werden ebenfalls im Kollektiv erarbeitet und vertraglich fest-gehalten. «Bei Partnerschaft, Beruf und Finanzen lassen wir uns aber nicht dreinreden», erklären die Eltern. Mit steigendem Alter bekommen ihre Sprösslinge mehr Pflichten, aber auch mehr Freiheiten. Der Lohn der ganzen Mühe: Zermürbende und unnötige – weil immer wiederkehrende – Diskussionen über Ordnung, Hausaufgaben oder TV-Konsum gibts nur selten. «Sind sie erst einmal ausdiskutiert, laufen viele Alltagsdinge von alleine», sagt Silvia Handschin, «Regeln und Aufgaben sind klar.» Sie sind auf einem Plan festgehalten.
«Das Ziel ist, irgendwann ohne den Plan auszukommen», sagt die Familienfrau, «ich bin aber jetzt schon stolz auf die Selbständigkeit meiner Kinder.» Die erlaubt ihr auch, mit einem 30-Prozent-Pensum wieder als Krankenschwester zu arbeiten.
Wert der Arbeit erkennen
«Mit gegenseitigem Respekt, Mitbestimmung und Eigenverantwortung bin ich selber aufgewachsen, und für meine Kinder kam kaum etwas anderes in Frage», sagt Silvia Handschin, während ihr Mann von einer Annäherung spricht: «Nach meiner Jugend in autoritärem Elternhaus und einem strengen Internat war ich auf argumentierende Kinder nicht wirklich gefasst», gesteht Stefan Handschin. «Meine Jugend war eigentlich wie das Dasein in einer geschützten Werkstatt», sagt er und erinnert sich mit Widerwillen an seine ersten Jahre ausserhalb des Elternhauses: «Trotz Mittelschulabschluss war ich viel zu wenig auf den fordernden Arbeitsalltag vorbereitet.»

Seine Kinder sollen deshalb früh die Wechselwirkung von Arbeit und Ertrag lernen, von Mitreden und Konsequenzen tragen. Denn daraus besteht das Leben nun einmal.
Text Yvette Hettinger / Bilder Stefan Süess
Triple-P-Kurse: Das Familienforschungsinstitut Freiburg sucht Eltern von Teenagern aus den Kantonen Bern und Freiburg für die Teilnahme an einer Studie: Telefon 026 300 73 59.Infos: www.triplep.ch

Was heisst autoritative Erziehung?
Aufmerksamkeit schenkenÜber den Tag verteilt immer wieder Zeit mit dem Kind verbringen und mit ihm Dinge tun, die beide mögen.

Das Kind lobenAm wirksamsten ist Lob, wenn man das Verhalten, das einem gefällt, beschreibt.
Liebe zeigenKuscheln, Umarmen, sagen, dass man das Kind liebt.
Mit dem Kind redenÜber Dinge, die es interessieren und die es erlebt hat. Auch eigene Erlebnisse mit dem Kind teilen. Erzählen und zuhören!
Zum Lernen anregenGelegenheit geben, Neues zu lernen. Modell sein und zeigen, wie etwas gemacht werden kann (nicht muss). Ausprobieren lassen und nur helfen, wo es nötig ist.
Grenzen setzenMit dem Kind die Regeln für das Zusammenleben besprechen und definieren. Vereinbaren, was bei einem Regelbruch passiert.
Konsequent seinBenimmt sich das Kind nicht wie vereinbart, sofort und angemessen reagieren. Ruhig bleiben, das Kind anweisen, sein Fehlverhalten zu beenden, ihm beistehen, indem man ihm sagt, was es stattdessen tun kann. Wenn es klappt, loben! Ansonsten die vereinbarten Konsequenzen folgen lassen.
Niemand ist perfektNicht erwarten, dass alles perfekt läuft, das ist unrealistisch und führt bloss zu Frust. Fehler beim Kind und bei sich selbst akzeptieren. Sich auch einmal Auszeiten gönnen und Unterstützung annehmen. http://www.migrosmagazin.ch/index.cfm?id=16323